Berliner Zeitung, 17.03.2007                                                                                                                                            ZURÜCK

Chansons aus dem Lager

Sänger Georges Brassens schrieb 1943 als Zwangsarbeiter in Basdorf seine ersten Lieder

Jade-Yasmin Tänzler



BASDORF. Aus den Augen, aus dem Sinn - so beginnt ein Lied des einst gefeierten französischen Chansonsängers Georges Brassens. In Basdorf (Barnim) hätte man den Musiker auch beinahe aus den Augen verloren- dabei ist das Leben Brassens' kaum von dieser Gemeinde nördlich Berlins zu trennen.

In Frankreich und bei seinen treuen Fans ist der Chansonsänger berühmt. Georges Brassens ist mit Juliette Greco aufgetreten, Moustaki hat ihm ein Lied gewidmet, und er hat sogar den Poesie-Preis der Academie francaise erhalten. In Basdorf dagegen blieb er lange eine eher unbekannte Größe. Dort verbrachte der noch heute verehrte Poet, Komponist und Sänger eine wichtige Zeit seines Lebens. Von 1943 bis 1944 war der damals 22-Jährige in Basdorf zur Zwangsarbeit verpflichtet. Ein Jahr schuftete er in den Brandenburger Flugmotorenwerken - und begann fast nebenbei seine musikalische Karriere.

Unscheinbar, heruntergekommen und verwaist wirken die Baracken des ehemaligen Arbeitslagers in Basdorf heute. Noch werden einige Gebäude von der Fachhochschule der Polizei genutzt, aber der Umzug steht bereits fest. Es gibt noch keine neuen Nutzungspläne für das Gelände. An die Zwangsarbeiter erinnert nichts mehr. Die Vergangenheit der Baracken und die Verbindung Basdorfs mit Brassens wäre fast in Vergessenheit geraten.

Doch im Jahr 2002 kehrte die Erinnerung zurück. Der in Frankreich lebende Künstler Willy Junglas machte die damalige Bürgermeisterin Heidi Freistedt auf Brassens Zeit in Basdorf aufmerksam. Er lud sie nach Vaison-la-Romaine ein und machte sie mit alten Kameraden Brassens bekannt. Bereits ein Jahr später besuchten Brassens Freunde Rene Iskin und Pierre Onteniente als 83-Jährige den Ort, in dem sie fast 50 Jahre zuvor im Arbeitslager lebten. Gemeinsam erkundeten sie die Baracken und das damalige Casino des Lagers. Hier hatte Iskin die ersten Chansons Brassens vorgetragen, da der Künstler sich selbst nicht traute.

Brassens' Kameraden haben viel für ihren Freund getan. Sie ermöglichten ihm 1944 die Flucht aus dem Lager. Zwei Wochen Heimaturlaub waren erlaubt, ein Kamerad im Lager musste für den Reisenden bürgen. Kehrte dieser nicht zurück, wurde dem Zurückgebliebenen der Heimaturlaub verwehrt. "Brassens Freunde haben das auf sich genommen, weil sie an seine musikalische Karriere glaubten", sagt Marion Schuster, Vorsitzende des 2004 gegründeten Vereins "Brassens in Basdorf e.V.".

Eine Zukunft als Festivalort

Der Verein will die Verbindung zu Frankreich weiter ausbauen. Peter Liebehenschel, der Bürgermeister von Basdorf, sitzt selbst im Vorstand. Es gibt schon einen Georges-Brassens-Platz und einen "Brassens-Schrein" in der Gemeinde-Bibliothek, am Bahnhof erinnert eine große Gedenktafel an die Zeit des Sängers in Basdorf. "Auch wenn Brassens es selbst nicht mehr erlebt hat, durch die Besuche seiner Freunde und Fans ist er doch im Guten nach Basdorf zurückgekehrt", sagt Liebehenschel.

Durch die Begegnung der Freunde Brassens mit den Basdorfer Gastgebern entwickelt sich das Dorf langsam zum Festivalort. Jährlich wird die Gründung des Vereins und die Versöhnung mit den Franzosen durch Konzerte gefeiert.

Chansons "unter Volldampf", die soll es bald in Basdorf geben: Mit der Heidekrautbahn können Freunde der französischen Lieder dann von Berlin nach Basdorf fahren. Im Zug gibt es Musik, ein richtiges Konzert findet am Zielort statt.In Basdorf soll die deutsch-französische Freundschaft gefeiert werden - natürlich mit Brassens' Chansons.